Mehr Gutschein als Sein – „Innovation“ in der Krise

Eigentlich wollte ich eine Übersicht der lokalen bzw. regionalen Einzelhändler erstellen, die nun, da ihre Ladenlokale geschlossen sind, mit neuen Ideen ihr Geschäft aufrechterhalten. Hauptsächlich dachte ich dabei natürlich an Onlineshops, Versand- oder Lieferservice. Aber vielleicht gibt es noch andere Innovationen, neue Ideen in Sachen kontaktloses Shoppen. Aber gefunden habe ich kaum etwas.

Schon in meiner ursprünglichen Blogpost-Idee war Kritik enthalten. Einzelhändler, grade die „Kleinen“ die keiner Kette oder keinem Franchise angehören, beschweren sich seit Jahren über die schwindende Kundschaft und die Konkurrenz des Onlinehandels. Amazon und Co machen die Geschäfte kaputt! Es wird ums Überleben gekämpft, aber weiter darauf beharrt, dass ja nichts über die persönliche Beratung und den persönlichen Kontakt gehe. Und so dachten auch die Wenigsten daran sich irgendwie anzupassen oder zu verändern, sondern gaben dem Kunden die Schuld. Man kann ja wohl erwarten, dass die Menschen mit dem Auto in die Innenstadt fahren, ewig einen Parkplatz suchen, der dazu noch überteuert ist, und dann dem Wetter ausgesetzt zum Laden gehen nur um dort Geld auszugeben. Von den Strapazen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln shoppen zu fahren, ganz abgesehen. Wie in einigen anderen Branchen auch wurde also Innovation verweigert und dabei völlig am veränderten Nutzungsverhalten der Kunden vorbei gewirtschaftet.

Und dann kam Corona

Nach erstem Zögern der Politik mussten dann tatsächlich alle Geschäfte, die nicht der Grundversorgung dienen schließen. Allen voran also Bekleidungs-, Haushaltswaren-, Elektronik-, Schuh- und Möbelläden. Aber auch Reisebüros, Buchläden, und Kultureinrichtungen. Alle sind gleichermaßen von den Anordnungen betroffen. Der Laden ist zu, erstmal kann man also nichts verkaufen.

Man sollte erwarten, dass geschäftstüchtige Inhaber kleiner Läden Ideen haben oder entwickeln können, wie sie auch weiterhin Geld verdienen können. Die Voraussetzungen dafür sind in fast jeder Hinsicht gegeben, sollte man meinen. Sei es einen eigenen kleinen Onlineshop einzurichten, per Facebook, Instagram, Twitter, WhatsApp oder sonst was Beratungen durchzuführen, Bestellungen entgegenzunehmen oder oder oder… Das einzige, was der Pforzheimer „Wirtschaft“ (beispielhaft für viele andere) einfällt ist: Gutscheine! Dies wurde heute auf den Kanälen der Stadt Pforzheim präsentiert. Die potenziellen Kunden sollen jetzt Gutscheine kaufen, die dann eingelöst werden, sobald die physischen Geschäfte wieder öffnen dürfen.

Gutscheine sind kurzsichtig und undurchdacht

  1. Die Menschen wollen doch JETZT etwas bestimmtes haben und ihr Geld nicht nur aus Solidarität den Unternehmen geben.
  2. Gutscheine sind quasi null-Zins-mikro-Kredite der Kunden an den Händler. Berechnet man die Inflation mit ein, verliert der Kunde sogar Geld durch diese „Investition“
  3. Aus Sicht der Unternehmen ist es kurzsichtig gedacht. Das Geld haben sie zwar jetzt zur Verfügung, dafür fehlt genau dieses Einkommen dann in der Zeit nach der Wieder-Öffnung, wenn die Kunden ihre Gutscheine dann in Waren einlösen. Gutscheine Verschieben das Grundproblem fehlender Einnahmen also nur, sie beheben es nicht.

Neue Apps und Portale als Lösung?

Einzig zwei Projekte, eines lokal, eines deutschlandweit mit regionalem Fokus, kann ich erwähnen die wenigstens versuchen die Möglichkeit des Bestellens Online/per App anzubieten. dies ist FoodPF, wie der Name schon sagt geht es um Essen, im Speziellen um Restaurants die bisher keinen Bestell- bzw. Abhol-/Lieferservice hatten. Immerhin sind schon 11 Pforzheimer Restaurants bei der lokalen Lieferando-Alternative dabei. Ein Paar grundlegende Funktionen oder Infos, z.B. über die Liefergebiete der einzelnen Restaurants etc. fehlen noch. Aber im Grunde ist das Portal sehr gut nutzbar, bedenkt man die Kürze der Zeit.

Das Zweite ist Emmas.App: hier kann man bei lokalen Bäckern, Metzgern, Hofläden, Weingütern und anderen bestellen. Die Zahl der Läden, gerade hier in der Region, wächst schnell. Aktuell sind 25 Erzeuger / Hersteller verfügbar, leider bieten nur zwei davon auch einen Lieferservice. Alle anderen nur Reservierung und Abholung vor Ort.

Ja, solche übergreifenden Portale / Apps sind gut, da sie dem Nutzer bequem an einer Stelle eine größere Auswahl bieten und den einzelnen Läden eine Lösung bieten, die selbst nicht Technik-Affin sind oder die Investition tätigen können. Allerdings reden wir hier auch von der Lebensmittel-Branche mit anderen Voraussetzungen als der restliche Einzelhandel.

Für einen Einzelhändler mit nicht verderblichen Waren, einem intakten Warenwirtschaftssystem und rudimentären Kenntnissen von Email, Social Media und dem Internet im Allgemeinen, sollte es kein Problem darstellen, seine Waren auf Bestellung zu versenden oder regional selbst zu liefern. Ich erwarte nicht dass die Buchhandlung oder die kleine Boutique das neue Amazon entwickeln. Aber, dass sie Geschäftssinn beweisen und kreativ werden, um zu überleben. Mit allen anderen habe ich wenig Mitleid, sorry. Gerade wer klein ist, ist flexibel genug schnell solche Neuerungen umzusetzen. Und die Mitarbeiter bringen sich da gerne motiviert mit ein, wenn man als Chef vorausgeht und Perspektiven aufzeigt. Anstatt nur zu jammern und von Kündigungen und Kurzarbeit zu reden.

Rant Ende

Ja, das war ein Rant. Ausgerechnet jetzt, wo man doch zusammenhalten soll. Aber darum geht es mir doch: ich will mit dieser Kritik helfen, mal über den Tellerrand hinaus zu denken, kreativ und innovativ zu werden, oder sich bei einem Profi Hilfe zu holen. Ja auch Web-Entwickler und -Designer bzw. (Online-)Marketing-Spezialisten gibt es lokal und auch die freuen sich in dieser Zeit über Aufträge. Ich lehne mich sogar so weit aus dem Fenster und sage, dass sie auch gerne helfen und langfristig am Erfolg lokaler Einzelhändler interessiert sind.

Und wer jetzt sagt das stimmt alles nicht was ich da schreibe, es gibt sie, die innovativen, kreativen Einzelhändler die mutig anpacken in dieser schweren Zeit: Her damit! Zeigt sie mir! Ich will sie gerne hier veröffentlichen und bekannter machen.

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About Frederik Proß

Ich lebe die Online-Kommunikation, bin Digital-Native und Early Adopter und weiß deshalb immer, was der nächste Trend in Sachen Kommunikation und Marketing ist. Ich probiere so gut wie alles aus, was nicht bedeutet dass ich auch jedem Trend hinterherrenne, denn Nachhaltigkeit ist sinnvoller als die Kurzlebigkeit mancher neuen Tools.
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